2012  - An interview with
Johannes Gramm by Sabin Borş

Johannes Gramm
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WENN DIE KARTEN NEU GEMISCHT WERDEN

Ein Bild ist mehr als ein Bild, und manchmal mehr als die Sache selbst, deren Bild es ist.
Paul Valéry

So schreibt Paul Valéry, und seine Überlegung zum Wesen des Bildes trifft vor allem auf die Fotografie zu. Man kann es rütteln wie man will, die Kamera ist trotz aller Einwände um die technischen Möglichkeiten, die digitalen Machenschaften oder die traditionelle Retusche, ein Apparat, der neben seinem Hang zur Realität auch immer Wünsche, Visionen und subjektive Eindrücke hervorbringt.

Es gibt zwei Dinge, die in unserer Kultur und Gesellschaft mit einer ähnlichen magischen Beweiskraft ausgestattet sind, nämlich die Unterschrift und die Fotografie. Mit der einen bürgt der Unterzeichner mit seinem handschriftlichen Namen für die Richtigkeit eines Sachverhaltes. Kein Dokument hat Gültigkeit ohne diese Signatur, die bezeugt, daß man wahrhaft etwas in Händen gehalten hat. Die Fotografie funktioniert da vergleichbar, denn sie erzählt, daß der Gegenstand auf der Bildfläche zumindest für den Bruchteil einer Sekunde, vor der Linse anwesend war. Die Fotografie legt fest, daß die Person auf dem Bild sie selber ist oder der Zustand zu einem spezifischen Zeitpunkt so und nicht anders ausgesehen hat. Roland Barthes hat das in der Hellen Kammer ausgeführt, in einer Zeit, als die digitale Fotografie noch nicht zu denken war. Aber bis heute ist die Vorstellung vom Belegcharakter des Mediums und die ihrer Authentizität, wenn man so will, nicht aus unseren Köpfen verschwunden.
Antlitz ist ein schönes, altmodisches deutsches Wort, welches aber wahrscheinlich sehr bald schon in den Katalog der vergessenen Wörter aufgenommen werden kann. Heute wird es nur noch selten als Synonym für Gesicht verwendet und bedeutet in seinem Ursprung auch das Entgegenblickende. Es ist etymologisch eine Wortmischung aus Sehen und Blicken und trifft damit den Kern der Portraitfotografie.
Das Selbstportrait ist innerhalb dieses wohl anspruchvollsten Genres der Fotografie ein besonderes Konstrukt, denn Bildgegenstand und Bildgestalter sind eins und im Idealfall stimmen im Auge des Betrachters und des Bildkonstrukteurs Ergebnis und die Vorstellung davon überein. Der Blick in die Kamera ist gleichzeitig auch ein Blick auf sich selbst und das erzeugte Bild eine Spiegelung der Selbstdefinition, der Abdruck von Visionen und Vorstellungen, die der Fotograf mit seiner Person und seinen Eigenschaften verbindet.

Die Serie von Selbstportraits ABETTERI ist ein Spiel, in dem Johannes Gramm die Karten vom fotografischen Selbstbildnis neu gemischt hat. König, Bube, Dame und deren Attribute - Stärker, Schöner, Jünger - werden durchdekliniert und facettenreich ausgebreitet. Von brutal bis lädiert, gezeichnet, tätowiert und gepierct erscheinen die Könige, die ihre aufrechte und selbstbewußte Stellung nicht aufgeben. Die Frontalität behalten auch die anderen Figurentypen bei, aber sie verändert sich. Die Damen, die ihre Blöße nur halb verdecken können, blicken milder und die angehobenen Schultern sprechen von einer sich selbst schützenden Haltung. Die jüngeren Buben tragen außer ihren fragenden, unbedarften Gesichtszügen Frisuren, die in Kombination mit den Gesichtszügen nicht eindeutig männlich oder weiblich sind. Sie sind noch unversehrt, aber wohl zu allem entschlossen.
Fotografische Selbstportraits als Ort der Inszenierung, bei denen das Verwandeln vor der Kamera zu einem Suchen und einer Art Neudefinition der eigenen Person wird, hat Tradition in der Geschichte der Fotografie. Die Bauhauskünstlerin Gertrud Arndt (1903 – 2000) erprobt Rollen und Muster des weiblichen Ausdrucks, indem sie sich mit aufwendigen Spitzen, Stoffen und Hüten verkleidete. In der Serie von 1930 wird sie das naive, puppenhafte Mädchen, die mondäne Verführerin, die geheimnisvolle Schöne oder die strenge Beobachterin. Die französische Künstlerin Claude Cahun (1894 – 1954)  ist zugleich Schauspielerin, Fotografin und Schriftstellerin und inszeniert rund vier Jahrzehnte Rollenmuster und Positionen vor der Kamera, experimentiert mit sich und den Möglichkeiten der Fotografie.
Johannes Gramm verfolgt eine vergleichbare Strategie. Er beschränkt sich nicht auf das Spiel mit Verkleidungen, sondern der Künstler rückt seinem eigenen Körper bildnerisch zu Leibe. Der König trägt bei ihm weder Krone noch Zepter, sondern Blessuren, als Verkörperung von Kraft und Stärke. Und er setzt auf die Wirkungsmacht von tätowierten Symbolen, auf Slogans wie Love and Hate und dem nach außen getragenem Schmerzempfinden. Kleider machen Leute, auch in unserer heutigen Gesellschaft, aber neben den allgemeingültigen Dresscodes, ist der manipulierte Körper mehr denn je zum Ausdruckmedium der Selbstdefinition geworden. Und der Weg über die Kamera erlaubt den Schritt zum Rollentausch der Geschlechter oder der Generationen. Dabei gibt Johannes Gramm aber nie vor, jemand anderes zu sein als er selbst – die Fotografie zeigt es uns, wahrheitsliebend wie sie ist. Bei ihm bleibt es ein Spiel, bei dem man Glück oder Pech haben kann. Und die Frage, was echt oder erfunden ist, spielt bei der Betrachtung der Bilder nur eine untergeordnete Rolle, denn es gilt viel mehr, das Bild als ein solches wahrzunehmen.
Wenn ich mal alt bin, möchte ich nicht so gern allein sein oder Julia und Romeo und Gretel und Hänsel.

Die fotografischen Doppelportraits zeigen immer ein und dieselbe Person, mal in kleinen Variationen, mal in unterschiedlichen Ausdrucksmomenten. Als Betrachter steht man davor und ist geneigt zu vergleichen, sucht Veränderungen, überlegt mit wie viel Personen man es  zu tun hat. Unerklärlich scheinen die Handreichungen zwischen den beiden Sies oder Ers.
Johannes Gramm referiert auf ein Phänomen, das es so visuell nicht gibt: Sich selber an die Hand nehmen. Aus Münchhausenerzählungen kennt man dieses Bild vom Helden, der sich am eigenen Schopfe aus dem Wasser zieht. Eine Geschichte vom ausdrücklichen Lügenbaron, von der wir als gebildeter Leser genau wissen, daß sie erfunden wurde. Insgeheim spielt man aber diese Szenerie durch und kommt zu dem Schluß, daß es eigentlich keine schlechte Idee wäre und es auch wunderbar sein könnte, wenn man sich dann und wann selbst an den Haaren aus dem Schlamassel retten könnte. 
Johannes Gramms Serie hat zwei Titel, der Obertitel, referiert auf Ängste und Traurigkeiten, die heute alltäglich zu sein scheinen. Die Untertitel entlehnt er gleichbleibend bei märchenhaften Vorbildern und dem großen aber tragischen Liebespaar, das ohne einander nicht mehr leben konnte und dem Geschwisterpaar, das fürsorglich auf einander Acht gibt. Diese literarischen Vorbilder lassen sich so aber nicht in den Bildern wiederfinden. Zu sehen sind Menschen von heute, mal skeptisch, mal optimistisch. Die kühle Präsentation der Dargestellten im Studio versachlicht, mit langen Hosen und kurzen Hemden, macht die Distanz zwischen der Wunschtraumwelt und der Realität spürbar. Wie schon in der Serie ABETTERI geht es auch hierbei um genaue Betrachtungsweisen, um die Abbildhaftigkeit der Fotografie und den Glauben, den wir ihr schenken.

 Man kann sagen, die Fotografie von Johannes Gramm hängt an der Wirklichkeit. Sie liebt sie und spielt mit ihr, sucht sich das, was ihr gefällt, verleibt sie sich ein, ordnet sie neu, stapelt sie in Schichten auf, legt sie aus, hält sie fest, versucht, sie zu begreifen und schafft am Ende einen Schein von großer Ähnlichkeit, der aber letztlich immer wieder Bild heißt.

von Christiane Kuhlmann

RESHUFFLING THE CARDS

An image is more than just an image, and sometimes it is more than the object of which it is an image.
Paul Valéry

Those are the words of Paul Valéry, and his reflection on the essence of the image applies above all to photography. However one looks at it, the camera is a device which in addition to its propensity to reality always brings wishes, visions, and subjective expressions to the fore. This is in spite of all the objections in terms of technical potentialities, digital manipulations, or traditional retouching.

In our culture and society, there are two things which are imbued with a similar magical evidential power, namely a signature and photography. With the one, the signatory uses his written name to guarantee the truth of a statement. No document has validity without this signature which proves that something has truly been held in the hands. Photography works similarly, because it recounts that the object in the image was present in front of the lens for at least a fraction of a second. Photography proves that the person in the image is herself or himself, or that the state of affairs at a specific point in time had a certain appearance and no other. This was explained by Roland Barthes in ‘Camera Lucida’, at a time when digital photography had not even been conceived of. But even today, the notion of the evidential nature of the medium and that of its authenticity, as it were, still remain part of our thinking.
‘Countenance’ is an old-fashioned but beautiful word; however, before long it will probably be transferred to the lexicon of forgotten words. Today, it is only rarely used as a synonym for ‘face’. Its German equivalent, ‘Antlitz’ (also rarely used nowadays) derives from ‘return of gaze’. Etymologically, it is a combination of ‘see’ and ‘gaze’, and thus gets right to the heart of portrait photography.
Within this probably most demanding genre of photography, the self portrait is a particular construct, because the object and creator of the image are one and the same, and ideally the result in the eye of the viewer coincides with the intention of the image’s conceiver. The gaze into the camera is at the same time a gaze into oneself, and the image so created is a reflection of self-definition, the expression of visions and conceptions which the photographer connects with his own person and his characteristics.

The ABETTERI series of self portraits is a game in which Johannes Gramm has reshuffled the cards of the photographic self image. King, Queen, and Jack, and their attributes – strength, beauty, youth – are gone through in every aspect, and unfurled in every facet. In states between brutal and battered, the kings appear drawn, tattooed and pierced, without abdicating their upright and self-confident bearing. The other archetypes also maintain their frontality, but they change. The Queens, who are able only to half cover their nakedness, have a gentler gaze, and the raised shoulders speak of a self-protective posture. In addition to their questioning, naive facial expressions, the younger Jacks have haircuts which in combination with their features are neither clearly male nor female. They are still undamaged, but certainly resolute to everything.
In the history of photography, there is a tradition of photographic self portraits as the location for a mise-en-scène in which the metamorphosis in front of the camera becomes a search and type of redefinition of one’s own persona. The Bauhaus artist Gertrud Arndt (1903 – 2000) attempted roles and examples of female expression, through dressing herself in elaborate laces, fabrics, and hats. In the 1930 series, she becomes the naïve doll-like girl, the worldly seductress, the secretive beauty, or the strict observer. The French artist Claude Cahun (1894 – 1954) was simultaneously an actress, photographer, and writer, and for four decades she created role models and poses in front of the camera, experimented with herself and with the possibilities of photography.
Johannes Gramm follows a comparable strategy. He does not restrict himself to experimentation with clothes, but instead the artist works graphically with his own body. With him, the King bears neither a crown nor a sceptre; instead, as the embodiment of power and strength, he has wounds. And he avails of the effectiveness of tattooed symbols, of slogans like ‘Love’ and ‘Hate’, and of the outwardly worn experience of pain. Clothes make the man, even in our society today, but apart from the general dress code, the body which has been manipulated has become more than ever the expressive medium of self-definition. And the path via the camera allows the step to be made to the role change of the sexes or of the generations. Here however, Johannes Gramm never pretends to be anyone other than himself – photography shows us this because it loves the truth. For him, it remains a game in which one can have good or bad luck. And the question, ‘What is true and what is made up?’ has only a subordinate role when viewing the pictures, because it is much more important to perceive the image for what it is.

When I am old, I do not want to be alone, or Romeo and Juliet or Hansel and Gretel.

The photographic double portraits always show one and the same person, sometimes with small variations, sometimes in various moments of expression. The viewer stands in front of them, and tends to make comparisons, looks for differences, or considers how many different people there are. The hands extended between the two Hims or Hers seem inexplicable.
Johannes Gramm makes reference to a phenomenon which does not exist visually: To take oneself by the hand. This image of the hero who pulls himself out of the water by his own hair is known from the tales of Münchhausen. A story from the actual baron of lies, as a result of which we as educated readers are certain that it was made up. In secret though, we play out this scene, and come to the conclusion that it really wouldn’t be a bad idea, and in fact it could be wonderful if once in a while one could pull oneself by one’s hair out of the mess. 
The series by Johannes Gramm has two titles. The surtitle refers to fears and sadnesses which today seem to be common. The subtitle has been borrowed unchanged from fairy tale examples, from the great but tragic pair of lovers who can no longer live without each other, and from the brother and sister who tenderly watch over one another. However, these literary examples cannot be rediscovered ‘just like that’ in the images. What is visible are people of today, sometimes sceptical, sometimes optimistic. The muted presentation of the subjects in the studio creates a reality, with long trousers and short shirts; it makes the separation between the world of ideal dreams and reality palpable. As already in the ABETTERI series, this is a matter of precise modes of observation, of closeness to life of photography, and of our belief in it.

It can be said that the photography of Johannes Gramm is connected to reality. Photography loves and plays with reality, looks for what pleases it, falls in love with it, reorganises it, stacks it in layers, interprets it, grasps it, tries to understand it, and in the end creates a semblance of great verisimilitude, which however is still an image when all is said and done.

by Christiane Kuhlmann

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